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Regina Weihrauch, Brustkrebs in der Schwangerschaft

Regina Weihrauch, Brustkrebs in der Schwangerschaft published on

DSC08883Pseudonym: Regina Weihrauch

Meine Geschichte: Brustkrebs in der Schwangerschaft

Mein Leben mit Brustkrebs beginnt am 10. September 2010. Bei der Diagnose war ich 31 Jahre alt. Ich war in der 36. Schwangerschaftswoche und gerade eine Woche im Mutterschutz. Dem selbst ertasteten Knoten habe ich keine große Bedeutung gegeben, da mir im Jahr 2000 an der selben Stelle ein gutartiges Fibroadenom entfernt wurde. Meine Frauenärztin hat mir auch keine Angst gemacht, mich jedoch vorsorglich ins Brustzentrum überwiesen. Auch dort hat man mich beruhigt, was nicht wirklich nötig war. Ich war nämlich nicht beunruhigt. Die Stanzbiopsie wurde am 9. September durchgeführt und mit dem Arzt hatte ich vereinbart, dass er mich am nächsten Tag anruft und mir das Ergebnis telefonisch mitteilt. Wegen eines guten Befundes wollte ich nicht noch einmal ins Krankenhaus fahren. Als der Anruf des Arztes kam, war ich gerade für meine Tochter einkaufen. Zuerst konnte ich es nicht fassen, was mir der Arzt da gesagt hat und ich habe nachgefragt, ob ich tatsächlich Brustkrebs habe. Das musste der Arzt leider bestätigen. Ich konnte es wirklich nicht glauben, weil ich mich so gesund und normal gefühlt habe. Kurz nach diesem Anruf rief mich meine Schwester zufällig an. Sie war die erste, die ich mit meiner Nachricht schocken musste. Die Autofahrt vom Einkaufen nach Hause war nicht schön. Ich wusste überhaupt nicht wohin mit meinen Gefühlen und konnte vor Tränen kaum geradeaus schauen. Zu Hause musste ich dann meinen Mann benachrichtigen. Er wartete darauf. Mir fiel das sehr schwer. Ich zog ihn da jetzt wohl oder übel mit in diese Sache rein.

Ich hatte so große Angst. Ich habe mich gefragt wie es weiter geht, was mit meinem Baby passiert. Ob es sofort per Kaiserschnitt geholt werden muss. Natürlich hatte ich auch Angst vor dem Sterben. Krebs gehört nun mal zu den Krankheiten, an denen man sterben kann. Anfangs habe ich sehr viel gejammert, wollte mein altes Leben zurück. Ich konnte keine Fotos von vor der Diagnose anschauen, weil meine Welt da noch in Ordnung war. Das hat mich gerade zu Beginn meines Lebens mit Krebs sehr herunter gezogen. Die Diagnose hat mich komplett aus der Bahn geworfen. Meine heile Welt gab es nicht mehr. Ich hatte sehr große Angst davor, nicht mehr viel Zeit mit meiner Tochter zu haben.

Nach dem ersten großen Schock musste ich alles erst mal sacken lassen, um wieder einigermaßen klar denken zu können und Fragen zu stellen. Mit dem Arzt habe ich später an diesem Tag noch einmal telefoniert, um nachzufragen wie schlimm es überhaupt ist, ob ich eine Chemotherapie brauche. Er hat mir auch etwas dazu gesagt, mich etwas beruhigt und wir haben uns dann entschieden, das Wochenende abzuwarten und am Montag in Ruhe und persönlich miteinander zu sprechen. Dieses erste Wochenende mit der Diagnose war sehr aufwühlend und im Nachhinein auch irgendwie irrational. Ein Satz, der das Leben so plötzlich so extrem verändert. Mein Mann und ich haben sehr viel geweint und einfach so große Angst gehabt. Ich fand es merkwürdig durch den Supermarkt zu gehen. Es war alles wie immer. Nur mein Leben war komplett durcheinander. Für die Leute war ich einfach eine hochschwangere Frau. Ich konnte das anfangs kaum ertragen und hätte am liebsten heraus geschrien, dass ich Krebs habe und mein Baby vielleicht nicht aufwachsen sehen kann. Erstaunlicherweise gab es an diesem Wochenende auch schöne Momente. Das Wetter war herrlich und wir saßen in einem Café in Krefeld und haben die Sonne genossen. In der Buchhandlung habe ich mir den Erfahrungsbericht „Fremdkörper“ besorgt, um mich etwas auf den Krebs einzustellen. Abends haben mein Mann und ich lustige DVD’s angeschaut und wir haben tatsächlich lachen müssen. Ganz langsam fingen wir an, uns der Krankheit zu stellen und haben uns ganz fest vorgenommen, dem Krebs nur so viel Raum wie nötig zuzugestehen.  Am Montag hatte ich dann die ersten Termine. Zuerst mit meiner Hebamme in meinem Entbindungskrankenhaus. Bei meiner Hebamme und meinem Entbindungsarzt in Viersen habe ich mich super aufgehoben gefühlt. Ganz wichtig war mir die Trennung von Geburt und Krebs und das wurde glücklicherweise respektiert. Nach diesem Termin ging es ins Brustzentrum nach Mönchengladbach. Alle wussten Bescheid und sahen mich mitleidig an. Das war mir in diesem Moment erst mal zu viel und ich musste kurz auf der Toilette zum Heulen verschwinden. Dann ging es ins Wartezimmer. Ich habe die ganze Zeit an die Decke geschaut, um mich vom Heulen abzulenken. Die Hände hatte ich auf meinem Bauch, um mein kleines Mädchen zu fühlen.

Ich war jetzt in der „Krebsmühle“. Es gab so viel zu besprechen und zu organisieren. Mein OP-Termin war sechs Tage nach der Diagnose. Der Tumor wurde noch während der Schwangerschaft herausoperiert. Vor, während und nach der OP wurde ich per CTG überwacht. Einen Tag nach der OP durfte ich unter der Auflage mich strengstens zu schonen nach Hause. Am 26. September ging ich zur Einleitung der Geburt in mein Entbindungskrankenhaus. Am 1. Oktober 2010 kam meine Tochter Nike nach fünf Tagen Einleitung freiwillig zur Welt. Da sie untrennbar mit meiner Brustkrebsdiagnose verbunden ist, haben wir zu ihren zwei geplanten Namen „Nike Lilia“ noch einen dritten ausgewählt: Beatrix – die Glück bringende. Nike kam mit Herzrythmusstörungen zur Welt. Deshalb mussten wir beide zwei Nächte in der benachbarten Kinderklinik bleiben. Eigentlich wollte ich mit meiner Kleinen schnellstmöglich nach Hause. Ich hatte jetzt schon genug von Krankenhäusern und Untersuchungen. Mir war auch klar, dass ich die kommende Zeit noch sehr viel im Krankenhus und mit Untersuchungen verbringen würde. Bis zu meiner ersten Chemotherapie hatte ich vier Wochen. Eigentlich sollten es nur zwei werden, aber durch die ganzen Untersuchungen hat sich meine erste Sitzung glücklicherweise etwas verschoben. Wir konnten uns tatsächlich, trotz der vielen Termin, wo ich meistens von meinem Mann und meiner Tochter begleitet wurde, etwas an unser neues Leben zu dritt gewöhnen.

Die erste Chemo hat mich überraschenderweise ziemlich umgehauen. Damit habe ich nicht gerechnet und war deshalb alleine mit meiner Tochter, weil ich es nicht für nötig gehalte hatte, mich um Unterstützung zu kümmern. Meine Familie lebt leider nicht um die Ecke. Zwei Tage nach der Chemo ging das volle Nebenwirkungsprogramm los. Deshalb hatte ich meine alte Figur sehr schnell wieder. Da war ich aber nicht stolz drauf. Sechs Tage nach Chemo Nummer eins saß ich bei meinem Hausarzt an der Infusion. Ich war ziemlich am Ende, konnte nichts bei mir behalten. Die Infusion musste aber unterbrochen werden, weil meine Kleine Hunger bekam und sich nicht mehr beruhigen ließ. Auf eine längere Infusionssitzung hatte ich mich vorher natürlich nicht eingestellt. Eigentlich war ich nur zur Blutabnahme gekommen. Sieben Tage nach meiner ersten Horror-Chemo kam meine Mutter aus Köln zu mir. Sie war ziemlich geschockt von meiner Optik. Wir beide sind ins Brustzentrum gefahren. Dort habe ich einige Infusionen bekommen. Meine Tante, die bei meiner Mutter zu Besuch war, hütete mein Baby. Zehn Tage nach dieser Chemo war der Nebenwirkungsspuk vorbei. Es ging mir wieder gut, ich konnte essen und war sehr erleichtert, dass ich nicht mehr so viel Zeit im Badezimmer verbringen musste. Nach dieser schrecklichen Zeit hatte ich mir vorgenommen, dass mich keiner der weitern fünf Zyklen wieder so umhaut, wie dieser erste. Es wurde auch nicht mehr so schlimm. Ich achtete darauf, sehr viel zu trinken, obwohl mir das schwer fiel. Außerdem bemühte ich mich, wenigstens etwas Nahrung zu mir zu nehmen. Ich war etwas streng zu mir, weil ich nicht wollte, dass es mir noch mal so schlecht ging, dass ich schon freiwillig ins Krankenhaus wollte. Einen Tag nach der vierten Chemo habe ich sogar Silvester zusammen mit Freunden gefeiert. Zwar ganz ohne Alkohol, aber dafür recht lange. Schön war das.

Pünktlich zwei Wochen nach der ersten Chemo ging der Haarausfall los. Ausgerechnet mein kleines Baby hatte die ersten Büschel in der Hand. So viel zum Thema Greifreflex. So sehr wie mich der  Gedanke an eine Glatze anfangs belastete, so war ich jetzt davon fasziniert, dass ich mir Haare ohne Schmerzen ausrupfen konnte. Am nächsten Tag beim Duschen ging es dann richtig los mit dem Haarausfall. Deshalb entschied ich mich für die Offensive: abrasieren. Mein Mann und meine Tochter begleiteten mich ins Zweithaarstudio. Im stillen Kämmerlein rasierte mir die Dame meine Haare ab. Nein, ich wollte mich nicht wegdrehen. Ich habe ganz genau hingeschaut und Tränen gab es auch nicht. Interessant, sich mal oben ohne zu sehen. Mit der Perücke fühlte ich mich fremd. Deshalb zog ich sie irgendwann nur noch zu bestimmten Anlässen an. Mit Tuch und Mütze fühlte ich mich wohler. So praktisch wie die haarlose Zeit auch war (abtrocknen und fertig!), so war ich doch sehr froh, als sich die ersten Härchen wieder zeigten. Den Wind im Haar fühlen, föhnen, Schaumfestiger und Haarspray benutzen, zum Friseur gehen. Herrlich! Wie hatte ich das vermisst und wusste es erst jetzt so richtig zu schätzen.

Als die letzte Chemo im Februar 2011 vorbei war, war ich sehr froh. Ein guter Tag. Aber es ging schon weiter im Programm. Ab zur Bestrahlung. Diese fand ich aber recht harmlos. Im Vergleich zur Chemotherapie ist das aber auch kein Wunder. Es war natürlich oft lästig, diesen täglichen Termin einzuplanen. Meine Tochter habe ich immer mitgenommen. Sie war ungefähr ein halbes Jahr alt und meistens war sie friedlich in ihrem Maxi Cosi. Auf jeden Fall hat sie immer Abwechslung ins Wartezimmer gebracht. Bis auf leichte Verbrennungen, bin ich heil durch diese Zeit gekommen. Nach der Bestrahlung fing ich mit der Antihormontherapie an. Eine monatliche Spritze Zoladex gehört jetzt zwei Jahre zu meinem Leben. Das Tamoxifen muss ich fünf Jahre nehmen. Das Schlimmste liegt mit Abschluss der Chemotherapie und der Bestrahlung jedenfalls hinter mir.

Mir hat es damals und auch heute noch sehr geholfen, über die Krankheit zu sprechen. Ich bin von Anfang an sehr offensiv damit umgegangen und konnte so meine Last etwas teilen. Vielleicht habe ich den ein oder anderen etwas vor den Kopf gestoßen mit meiner Direktheit. Der Austausch mit Betroffenen ist noch mal etwas Besonderes. Man versteht sich einfach und kann zusammen am besten über diese Angelegenheit lachen. Ich habe regelmäßig Kontakt zu anderen betroffenen Frauen und ich finde, wir sind uns eine sehr gute Stütze. Ja, irgendwie sind wir seelenverwand, verstehen uns und das ist ein unheimlich schönes Gefühl. Über mein Brustzentrum habe ich eine sehr liebe Freundin gefunden, die es auch in der Schwangerschaft erwischt hat. Wir verstehen uns sehr gut und ich bin froh, dass ich sie habe.

Mit meiner Geschichte möchte ich allen Frauen mit Brustkrebs Mut machen, besonders jedoch den Frauen, die es in der Schwangerschaft erwischt hat. Einer eigentlich so glücklichen Zeit, die mit der Diagnose so viel Angst und Traurigkeit bekommt. Es gibt ein Leben mit Krebs und dieses Leben genieße ich jeden Tag. Jeder Moment ist so kostbar geworden, weil mir die Diagnose gezeigt hat, wie schnell sich alles ändern kann ….

 

 

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