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Ein Tumor namens Horst

Ein Tumor namens Horst published on

Sonnenmblume1Hallo, ich heiße Horst und bin ein G3-Tumor. Anfang 2012 habe ich mich in der linken Brust von Bianca eingenistet. Sie hat bis Mitte Februar gebraucht, mich zu ertasten. Unter der Dusche hat sie mich dann gefunden. Wäre gerne noch etwas länger unentdeckt gewesen, aber na ja.

Sie hat gleich einen Termin bei Ihrer Gynäkologin vereinbart. Dort ist sie dann am 28.02. hingegangen. Die Ärztin hat ein Ultraschall gemacht und mich zuerst nicht gefunden. Ich habe mich nämlich genau über einer Zyste breit gemacht und die hat sie dann zuerst gesehen und war ganz erleichtert. Leider hat sie das Ultraschallgerät dann noch ein bisschen höher gezogen und „Ach du Scheiße“ gesagt … Was ist denn das bitte für eine Ausdrucksweise?? So war ich dann nun entdeckt! Die Ärztin hat Bianca sofort zum Brustzentrum an der Uniklinik geschickt zu entgültigen Abklärung.

Dort hatte sie dann am 05.03. einen Termin. Der junge Arzt hat mich auch noch mal per Ultraschall begutachtet und sagte irgendwas von „Stanzbiopsie“. Da hab ich mir ja noch nichts bei gedacht, auch nicht, als die Brust örtlich betäubt wurde. Aber dann … Was war das? Eine Nadel wurde in mich hineingeschossen und Stücke von mir rausgerissen!!! Autsch!!! Gott sei dank, war das schnell vorbei, aber toll fand ich das nicht! Ich glaube, Bianca fand das auch nicht so prickelnd, aber sie denkt ja immer noch, ich wäre nicht bösartig …

Zwei Tage später konnte sich Bianca dann das Ergebnis abholen. Sie hatte eine Freundin als Unterstützung mitgebracht. Der nette Doktor hat ihr dann gesagt, mit wem sie es da in ihrer Brust zu tun hat. Bianca war wohl ziemlich schockiert darüber … Der Arzt meinte dann auch, sie sollte jetzt erstmal nach Hause fahren, alles weitere würde am folgenden Freitag besprochen. Sie ist dann auch mit ihrer Freundin nach Hause gefahren und hat eine Flasche Rotwein aufgemacht. An diesem Abend erhielt ich auch meinen Namen „Horst“. Hätte mir keinen schöneren Namen ausdenken können!

Am Donnerstag musste sie erstmal die ganze Geschichte auf ihrer Arbeit erzählen und mit ihrem Chef besprechen, wie es weitergeht, wer ihre Vertretung macht etc. Mein Gott, die macht sich vielleicht einen Kopf … Pfffffffft, als ob irgendetwas wichtiger wäre als ich!

Am Freitag wurde dann Biancas Behandlung besprochen. Neoadjuvante Chemotherapie, OP, Bestrahlung, Hormontherapie. War ich natürlich überhaupt nicht mit einverstanden, aber mich hat ja keiner gefragt!!!

Am 14.03. musste sie auch noch ins Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs, da in ihrer Familie schon die Mutter, die Oma und die Tante Brustkrebs hatten und sie nun prüfen wollen, ob ich das Ergebnis eines „Gendefektes“ bin. Auf was für Ideen die kommen … Inzwischen hat sich auch herausgestellt, das ich kein mutiertes Gen bin, hätte ich denen auch direkt erzählen können!!

Am 20.03. ging es dann ab für sie ins Krankenhaus. Sie wollten in meiner Nähe herumschnippeln, um den Wächterlymphknoten zu entfernen. Ich dachte nur: „Na, hoffentlich schneiden die ordentlich und treffen mich nicht mit ihrem Skalpell.“ (Haben sie nicht getan). Nach der OP haben sie Bianca dann gesagt, dass alle 3 entfernten Lymphknoten befallen waren, fanden sie wohl nicht so toll …

Nach einer Woche ausruhen ging es dann am 27.03. zur ersten Chemo-Therapie.

Darunter konnte ich mir ja nun gar nichts vorstellen … Aber es war schrecklich!!! 5 Stunden wurden irgendwelche Flüssigkeiten in Biancas Blutkreislauf gepumpt. Mir wurde sooooooooooooo schlecht davon. Es zuckte und ziepte an mir rum!!! Das wollte ich auf gar keinen Fall!

Aber Bianca ging es in den nächsten Tagen auch nicht so toll, müde und schlapp hing sie im Bett oder auf dem Sofa rum. Ausgleichende Gerechtigkeit nennt man so etwas wohl!

Leider war es das nicht. Mittlerweile ist sie 4 x zu so einer EC-Chemo-Therapie gegangen und mir geht es immer schlechter. Ich habe das Gefühl, ich werde immer kleiner und löse mich irgendwie auf … Am 08.05. war sie noch einmal bei dem Arzt im Brustzentrum und der hat meine Befürchtungen bestätigt: ICH SCHRUMPFE!!!! Ich habe schon ein Drittel meiner Größe eingebüßt, bin jetzt nur noch 1,5 cm lang. Wo soll das denn noch enden?????? Die soll mal bloß damit aufhören!!!

Erst dachte ich dann ja auch, dass sie mir den Gefallen tut, aber Pustekuchen! Nach zwei Wochen, wir haben mittlerweile den 22. Mai, geht die wieder zur ChemoTherapie!!! Aber was ist das??? Die kriegt gar nicht mehr das rote Teufelszeug, sondern eine klare Flüssigkeit?? Neues Gift? Und mir sagt wieder keiner was? Und zu allem Überfluss kriegt sie auch noch Eis unter die Füße und gefrorene Handschuhe an währenddessen, damit die Nerven in den Fingern und Füßen nicht so angegriffen werden und sich die Nägel nicht verfärben … Und warum kriegt sie kein Eis auf die Brust??? Hallo!!! Ich will auch nicht mehr angegriffen werden!!!!

Aber dieses Mal räche ich mich fürchterlich für diesen Angriff! Ich lasse mir 3 Tage Zeit und schicke ihr dann richtig fiese Nebenwirkungen. Ich muss zwar alle meine verbliebenen Kräfte mobilisieren, aber sie soll leiden!! Als erstes schicke ich ihr ganz fiese Knochenschmerzen, die sie eine ganze Nacht lang nicht schlafen lassen, trotz Schmerzmitteln! Dann geht es weiter mit Ausschlag im Nacken, im Dekolleté, unter den Achseln, an beiden Schläfen und an den Oberschenkeln!!! Juckt richtig schön und sieht total ekelig aus!!! Blöd nur, dass ihr eine Freundin so ein Gel mitbringt, was den Juckreiz stoppt … Aber egal, ich hab ja noch einige andere Tricks auf Lager: Als nächstes heize ich den Körper mal ein bisschen, so auf 38,1 Grad … Schön zu Pfingsten, damit sie nicht zum Arzt fahren kann, hi, hi, hi. Am nächsten Tag lasse ich die Temperatur wieder sinken, dafür hab ich aber ihre Geschmacksnerven außer Gefecht gesetzt: 2 Tage lang schmeckt alles, in das sie beißt, nur nach Schimmel!!! Danach lasse ich es dann zu, dass sie wenigstens Gemüsebrühe und Nudeln mit Tomatensoße essen kann. Aber so richtig kommt der Geschmack erst 2 Tage vor der nächsten Chemo-Ladung zurück … Ha, ha, ha, ich bin noch lange nicht geschlagen!

Da sie ja dieses Mal 3 Wochen zur Erholung hatte, gibt es den nächsten Cocktail am 12.06.2012. Wieder das gleiche Prozedere und wieder lass ich mir 3 Tage Zeit mit den Nebenwirkungen. Aber irgendwie komme ich nicht so richtig zu ihr durch. Sie hat zwar Knochenschmerzen, aber am Samstag, den 16.06. schluckt sie morgens einfach eine Schmerztablette, zieht sich SPORTKLAMOTTEN an und faselt die ganze Zeit was von „Race fort he cure“ … Was soll denn der Scheiss????? Die soll leiden und nicht walken!!! Aber sie ist wie aufgedreht!! Lässt sich von einer Freundin abholen und läuft trotz Knochenschmerzen ganze 4 Tage nach ihrer 6. Chemo 2 Kilometer durch den Rheinpark. Und das ganze schneller, als sie normalerweise spazieren geht!! Ja, spinnt die denn?????? Und dann fängt die im Ziel auch noch an zu heulen, von wegen Emotionen und so, und alles ist toll, und sie ist so stolz auf sich, bla, bla, bla … ich kann da gar nicht hinhören, da wird mir ganz schlecht …

Tja, und dann kommt der 19.06. … Da hat sie mal wieder einen Termin im Brustzentrum zur „Tumorkontrolle“ … JAAAAAAAAAAAA, ich bin noch da, braucht ihr gar nicht nachprüfen!!! Machen sie aber natürlich trotzdem, ich hab hier mal wieder nix zu melden …

Der Arzt tastet die Brust ab und fragt Bianca, ob da überhaupt mal was war!! Hallo???? Natürlich, da war und IST was, nämlich ICH!!!!!!!

Nach dem Ultraschall springt Bianca vor Freude fast an die Decke und ich weine fast vor Verzweiflung … Die neueste Messung hat ergeben, dass ich nicht mehr 2,5 cm, sondern nur noch 0,6 cm groß bin … Auf einmal fühle ich mich ganz klein und schwach …

Und dann reden die auch noch über 2 weitere Chemos, und Markierung des Tumorgebietes, falls ich ganz verschwinden sollte und über eine Operation, in dem der „Rest“ dann rausgeschnitten wird …

Ich will das alles nicht, aber ich fürchte, ich kann nichts dagegen tun … Den Kampf scheint Bianca mit Hilfe ihrer Ärzte und dem ganzen Chemo-Gift gewonnen zu haben

Also, meine Freunde, da ich fürchte, bald keine Kraft mehr zum Schreiben zu haben, verabschiede ich mich nun von Euch …

LEBT WOHL!

 

 

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